Bier500 unter fast freiem Himmel

Das baden-württembergische Zentralevent zum 500jährigen Jubiläum des Reinheitsgebotes fand im Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck statt. Zusammen mit Donaubierland und der Hirschbrauerei Honer war das experimentale Geschichtsdorf Gastgeber für die Brauer mit Leib und Seele, die ihren traditionellen Weizenbieranstich feierten. Eigentlich ein idealer Ort für “a größers Handwerkerfeschd”. Aber erstens kommt’s anders, zweitens…

Am Anfang war’s verhext. Offenkundig gab es Kommunikationsprobleme zwischen den Machern vor Ort und den petrinischen Mächten im Himmel. Pünktlich zum Beginn der Reden – und noch bevor die Brauer ihre Zapfhähne einschlugen – regnete es erstmal ordentlich. Landrat Stefan Bär kalauerte lakonisch: “So bekommt das Wort Schirmherr eine ganz neue Bedeutung” und die Redner verschwanden mitsamt ihren schönen Holzfässern unter einem Schwall aus Wasser und Schirmen. Nicht gerade perfekt, um repräsentative Fotos zu machen. Es kam dennoch zum großen Hauen und Anstechen.

Brauer Schlägt Zapfhahn ein.

Klaus Wunderlich von Herbsthäuser und seine sieben Kollegen von den Brauern mit Leib und Seele stachen gekonnt ihre Weizenbiere an.

Biervielfalt beim Weizenbieranstich

Richtig, sieben Fässer Wein konnten nicht gefährlich sein, auch die acht Fässer Weizen nicht, obwohl sie als Freibier von den Brauern mit Leib und Seele ausgeschenkt wurden. Das Freilichtmuseum Neuhausen hatte mit seinen Partnern Donaubierland und Hirschbrauerei eigens ein kleines Bierkrügle auflegen lassen. Für einen Euro war man gerüstet und konnte dann von Fass zu Fass gehen, um die Unterschiede heraus zu schmecken. Das war nicht wirklich schwer und zeigt schon, wie vielfältig die Aromen bei einer einzigen Biersorte sein können.

Brauer mit Leiterwagen

Fritz Tauscher von der Kronenbrauerei und dem Hopfengut No. 20 in Tettnang

Die größte Überraschung lieferte gleich die Hirschbrauerei selbst, die keine ihrer Weissen aus dem Standard-Sortiment ausschenkte, sondern die Sonderedition 2016: einen Eisbock. (Was das ist, erzähl ich vielleicht ein andermal, aber hier) Wichtig zu wissen ist: “Der dreht”. Mit seinen 9,8% ist er für einen Eisbock fast leicht. Er schmeckt richtig gut, malzig und vollmundig. Überhaupt ließen sich die meisten ihre Festfreude nicht verdrießen und wurden kreativ, um den Artenschutz bei der Bierdiversität zu sichern:

Weizenbiere unter Schirm

So in etwa das genaue Gegenteil gab’s von der Familie Kalb. Die Leo Weisse von der Löwenbrauerei in Bräunlingen ist ein süffiges, fruchtig-leichtes Sommerbier. Auch sehr lecker.

Bier ist doch bekömmlich!

Mit Gottfried Härle gehört auch der derzeit bekannteste Brauer Deutschlands zu den Brauern mit Leib und Seele. Er wurde im Zuge der EU-Gesetze für Wein in einen Rechtsstreit verwickelt.

Gottfried Härle

Die Härle-Biere werden seit den 1920er Jahren als “bekömmlich” beworben (was beim Wein verboten ist). Gottfried Härle hielt dagegen und verlor am Landgericht. Die nächsten Instanzen warten noch, aber Gottfreid Härle hat schon jetzt doppelt gewonnen: an Sympathie und am Werbeeffekt durch den Aufsehen erregenden Prozess. Ich bin gespannt, wieviele Alkoholiker durch dieses Sprachproblem von Weltrang von ihrer Krankheit befreit werden. Werberechtlich mag es umstritten sein, ob Bier bekömmlich ist, beim Bier500 jedenfalls bekam man es an jeder Ecke.

Bier der kurzen Wege

Mit der Zeit gab’s dann auch ein Einsehen, der Regen ließ nach und das Fest konnte etwas gemütlichere Fahrt aufnehmen. A propos Fahrt. Oberflächlich betrachtet könnte man es für nostalgische Folklore halten, wenn viele Menschen mit Pferdefuhrwerken und alten Dieselschluckern ihr Bier feiern, das Brauer von Hand in Holzfässern mit acht Leiterwägele zum Anzapfen ziehen.

Bier-LKW

Außer dem Lerneffekt steckt schon ein bisschen mehr dahinter. Denn Regionalität bedeutet immer auch kurze Wege zurück zu legen. Selbst wenn man heute nicht mehr mit dem Leiterwägele ganz nachhaltig an den Zwickel zuckelt (oder doch?), so symbolisieren diese Fahrzeuge die regionale Verwurzelung. Man rennt nicht dem Billig-Sattelzug der Fernsehbrauereien hinterher, sondern trinkt Bier von den Brauereien, die in einem begrenzten Radius um ihre Abfüllanlagen ausliefern. Eine Sonderform dieses Mobilitätskonzeptes ist die maximale Verkürzung des Weges. Dann kommt gleich die gesamte Brauerei zum Endverbrau(ch)er. Derzeit schießen relativ viele etwa 100 l-Anlagen aus dem Boden, um damit Sortenexperimente für kleine Ausstöße zu produzieren, Brauseminare abzuhalten oder auf Events aufzutreten. Die Hirschbrauerei pflegt das in ihrem Bier-Museum in Wurmlingen schon seit geraumer Zeit mit steigender Beliebtheit. Andere ziehen derzeit nach.

Zwei Brauwagen

Die Brauer mit Leib und Seele blieben an diesem Tag nicht unter sich und luden drei weitere regionale Brauer zum Mitmachen ein. Unter ihnen auch Markus Salvermoser. Sein Brauwerk aus Tuttlingen-Möhringen ist noch nicht ganz so bekannt, dafür aber umso origineller. Markus Salvermoser hatte seine mobile Craft-Beer-Brauerei aufgebaut und das Ganzen um einen schönen Farbtupfer bereichert.

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Bewundernswert fand ich die Pferde. Weniger wegen ihrer Häkelhauben. Aber nach dem Umzug wurden sie mitsamt Gespann am Marktplatz aufgestellt und blieben dort stundenlang mit stoischer Ruhe stehen. Meint man das mit Kaltblüter? Der Rossknecht blieb aber permanent bei ihnen und kümmerte sich liebevoll.

Hexen, Mönche, Herzöge und Gebote

Ein schöner Part galt der Geschichte des Biers in einem Theaterstück. Thorsten Jauch, Chefbrauer in der Hirschbrauerei Honer und nach eigener Aussage wenig anderes lebend, als sich “seit 45 Jahren mit Bier zu beschäftigen” führte mit seinem Wurmlinger Ensemble das Publikum zunächst zurück in die Zeit des Spätmittelalters.

Kräuterfrauen und Mönche

Die Lockfrage “War’s die Hexe oder der Mönch?” zeigt schon das dramaturgische Talent des Brauers. Gemeint waren damit im Lehrstückle weniger, ob Frauen oder Mönche besser gebraut haben, sondern wer von den beiden “Ehrengruppen” Anfang des 16. Jahrhunderts der größere Panscher war. Dem Herzog ging die Diskussion eher auf die Magengrube, weshalb er das verlogene Fabulieren einsargte und das Reinheitsgebot erließ. Der Strafenkatalog war förderlich für die Umsetzung: wer panschte, musste seine Brühe selber trinken.

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Seit 500 Jahren dürfen deshalb zum Bierbrauen lediglich Wasser, Gerste und Hopfen verwendet werden. So nebenbei sicherten sich die Mächtigen das Weizen-Monopol. Das erklärte Ziel, durch das Reinheitsgebot Weizen für die Brotherstellung zu sichern, galt dennoch. Hefe gab’s damals auch schon, aber man kannte sie noch nicht. Dem diffusen Anschub der Gärung spürt Thorsten Jauch im Ansatz eines “Wildbieres” nach. Das bedeutet nichts anderes, als auf einen kontrollierten Zusatz einer bestimmten Hefe zur Würze zu verzichten. Stattdessen hat er “etwas arrangiert”, das durch wilde Hefen die Gärung auslöst. Ich mach’s kurz: das Ergebnis hinterließ recht schwankende Eindrücke, je nach Reifegefäss und -dauer.

Verkündigung des Reinheitsgebotes

Das Reinheitsgebot unterstreicht, dass hohe Qualität durch strenge Regeln gefördert werden kann, ohne negativen Einfluss auf die Vielfalt zu nehmen. Zugleich darf man nicht vergessen, dass zum Beispiel zahllose Hefen noch gar nicht entdeckt sind. In den letzten beiden Jahren war ich in Sachen Bier nicht nur an der Jungen Donau, sondern auch in der Kurpfalz, im Schwarzwald und am Bodensee unterwegs. Meine persönliche Erkenntnis aus dem Lernen über das Brauen: Bier ist der bessere Wein.

Thorsten Jauch im SWR-Interview

Der SWR war der größte Medienvertreter an diesem Tag und drehte möglichst viele Szenen ein, die am 3. Juli als SWR Treffpunkt BW ausgestrahlt werden. Obwohl ruhig 1000 Leute mehr hätten kommen können, darf man sich überlegen, ob man das Bierfest in Freilichtmuseum nicht fest etabliert. Erfahrung genug hat man dort mit solchen Veranstaltungen.

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