Das Mittelalter lebt: 8 farbenfrohe Tipps rund um den Bodensee

Der Bodensee ist bis heute kulturell und touristisch durch das Mittelalter geprägt. Ausgewählte Geschichten und Angebote aus dem “dunklen” Zeitalter zeigen vor allem eins: das Mittelalter ist bunt!

#1 Gallus, Otmar und
der große Plan

St. Gallen kommt beim Thema Mittelalter auch ohne eigenes Bodensee-Ufer eine herausragende Rolle zu. Der heilige Gallus gehörte zur ersten Geeneration der iro-schottischen Wandermönche im Gefolge des heiligen Kolumban. Gallus trennte sich hier von ihm, um eine Einsiedelei zu errichten. Diese Keimzelle christlicher Kultur entstand im 6. Jahrhundert. Gallus schlossen sich schnell weitere Mönche an und so entstand Anfang des 8. Jahrhunderts das Kloster St. Gallen mit Otmar als erstem Abt, der auch die Benediktsregel einführte. Seine besondere Bedeutung hat das Kloster auch durch die Verwahrung vieler Chroniken, Dokumente und Urkunden, die sich heute in der Stiftsbibliothek befinden. Unbedingt besuchen.

Mann an Schaukasten

Das berühmteste Exponat der Stiftsbibliothek ist ohne Zweifel der St. Galler Klosterplan, der auf der Reichenau entstanden ist. Da meine Reise um den Bodensee auch um das Thema Bier kreist, zeigt mir der Stiftsbibliothekar Dr. Cornel Dora eine der drei Brauereien auf dem ausgestellten Faksimile, unter dem sich das Original des Klosterplans befindet.

#2 Eine folgenreiche Legende: Pirmin kommt auf die Reichenau

Der St. Galler Klosterplan ist auf der Insel Reichenau entstanden. Ähnlich wie in St. Gallen fand die Christianisierung im frühen Mittelalter statt – allerdings etwas später. Der heilige Pirmin betrat im 8. Jahrhundert – so die Legende – als erster die Insel, worauf sich sofort alles Gewürm in den Bodensee stürzte. Er gründete das Kloster in Mittelzell, das zum geistig-geistlichen im Reich Karls des Großen wurde. Bis heute kann man dem Geist nachspüren, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Auch sind Teile der Bausubstanz aus der Romanik bis heute erhalten. Zugleich kann man die baulichen Entwicklungen des Mittelalters nachvollziehen. Das Münster wurde nie barockisiert.

Große Kirche Hinter dem Münster in Mittelzell befindet sich auch ein Kräutergarten, der nach der Vorlage im St. Galler Klosterplan angelegt wurde. Hier werden Führungen angeboten, auf denen man viel über die Würz- und Heilverwendung von Kräutern lernen kann. Das Kloster wurde im Zuge der Säkularisation aufgelöst, aber seit 2001 gibt es wieder benediktinisches Leben auf der Reichenau. In Niederzell errichtete P. Stephan Vorwerk OSB mit Mitbrüdern die Cella St. Benedikt, durch die sie den Pfarrdienst auf der Insel versehen.

Kapelle mit Ikonen Die Stundengebete in der Egino-Kapelle in der St. Peter und Paul-Basilika in Niederzell (11. Jhd.) sind öffentlich und laden ein, die Zeitlosigkeit der Psalmen und Gesänge im Gotteslob zu pflegen. Im Umfeld aller drei Kirchen auf der Reichenau befinden sich Museen zum UNESCO-Weltkulturerbe, die auf moderne Weise über die Tätigkeiten der einstigen Mönche erzählen. Besonders interessant für Freunde der Buchkunst!

Ausstellungsraum

#3 Frühmittelalter live auf dem Campus Galli

In Meßkirch – ca. 35 km nördlich von Überlingen – ist man ein großes Wagnis eingegangen. Das frühmittelalterliche Leben der Karolingerzeit mit seinem Handwerk, seiner Landwirtschaft, seiner Kleidung, seinen Gepflogenheiten wird auf dem Campus Galli nachgelebt, gänzlich ohne Maschinen. Als Vorbild hat man sich nichts geringeres als den St. Galler Klosterplan ausgesucht. Das braucht Zeit. 40 Jahre Bauzeit sind projektiert.

Unterstützung kam aus St. Gallen, das einen Nachbau der Zelle des heiligen Gallus stiftete. Auf dem Campus Galli ist dort eine Schreinerei untergebracht.

Die Mitarbeiter müssen laufend einen Spagat zwischen geschichtlicher Quellenarmut, plausiblen Erkenntnissen und modernem Baurecht bewältigen. Im Zentrum des Campus Galli liegt der Marktplatz, den man nach einem Rundgang an Handwerkerstationen vorbei erreicht. Hier steht auch das erste größere Gebäude, das errichtet wurde. Es ist eine Kapelle und in ihrem Umfeld werden Hölzer bearbeitet, die Tabula zu bestimmten Zeiten geschlagen und die Gäste mit mittelalterlichen Speisen und Waren versorgt.

Eine solche Kapelle hatten Mönche im 8./9. Jahrhundert ebenfalls gebaut, wenn sie zur Gründung eines neuen Klosters ausgesandt wurden. Sie folgten damit der Regel des heiligen Benedikt, der die Mönche anhielt: “Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden”.

Auf den öffentlichen Führungen erläutern Mitarbeiter wie der Historiker Matthias Hofmann die archäologischen Hintergründe. Auf dem ganzen Areal taucht man ein in eine besondere Atmosphäre ein, die schon für sich einen Besuch lohnt. Und kein Besuch ist wie der andere, schließlich ist hier alles in Bewegung.

#4 Mittelaltersprech an
der Cella Ratoldi

Auch Radolfzell ist mittelalterlichen Ursprungs und hat eine eigenwillige Gründungsgeschichte. Ratold von Verona wurde im 8. Jahrhundert auf der Reichenau ausgebildet und ging anschließend im Gefolge des zum Bischof ernannten Egino nach Verona. Dieser zog sich nach seiner Demission wieder auf die Reichenau zurück. Ratold wurde sein Nachfolger und wollte es ihm nachtun. Doch auf der Reichenau war kein Platz mehr! Also wies man ihm ein Stück Land auf dem gegenüberliegenden Ufer zu. Dort errichtete er mit seinem Gefolge eine Kleriker-Cella. Aus ihr erwuchs die heutige Stadt Radolfzell, in dessen Münster man ihm und anderen Heiligen nachspüren kann.

Altarraum Münster Radolfzell

Ein besonderes Erlebnis ist eine historische Stadtführung mit Anna. Die Haushälterin des Pfarrers entführt ihre Gäste nis Jahr 1501. Anna zeigt nicht nur die historischen Ereignisse vor Ort auf, sondern sie erklärt auch die Bedeutung älterer und teilweise immer noch gängiger Redensarten. Hier lernt man auf angenehmste Weise, was es bedeutet, einen Korb zu bekommen, unter einer Decke zu stecken, unter die Haube oder in Teufels Küche zu kommen.

Frau Mit Zettel, darauf V und X Gästeführerin Karin Eichhorn macht keinem ein X für ein U vor.

#5 Eine Papstwahl und
ihre Folgen

Das Konzil mit der bisher einzigen Papstwahl nördlich der Alpen hat gewissermaßen bis heute Konstanz zur Mittelalter-Metropole am Bodensee gemacht. Seit 2014 begeht man die Feierlichkeiten zum 600jährigen Jubiläum des Konzils, das mit zahllosen Führungen, Events, Ausstellungen und anderen Angeboten aufwartet. Immer wieder ziehen Kleriker, Henker, Kurtisanen, Stadtschreiber, Handwerker oder Künstler durch Konstanz und verwandeln an besonderen Tagen die ganze Stadt in ein Mittelalter-Event.

Gaukler

Damals wie heute sehr verbreitet ist das Jakobspilgern. Konstanz ist das große geistliche Zentrum am Bodensee, von dem aus die Pilger ihren Weg weiter gehen in Richtung Kloster Einsiedeln oder Basel. Besonderes Ziel für die Pilger ist die Mauritiusrotunde im Münster. Die Motive für das Pilgern sind vielfältig. Die einen wollen ihrer religiösen Berufung nachgehen, andere wollen einfach auf dem Weg leben, wieder andere gehen als Stellvertreter für Kranke, machen den Weg als Gang der Buße oder als Ersatz für den Gefängnisaufenthalte (heute: Schwitzen statt Sitzen). In der Mauritiusrotunde konnte man durch dreimaliges Umrunden im Gebet einen Ablass erwirken.

Gotisches Grab Die Mauritusrotunde erinnert an das Heilige Grab in Jerusalem.

#6 Ein Pilgermahl und die Translatio des verbannten Otmar

Stein am Rhein ist voll mittelalterlicher Spuren, Gebäude und Geschichten. Zwei möchte ich herausgegreifen. Nein, nicht die Altstadt mit ihren wundervollen Fassaden und den Glasscheiben im Rathaus, auch nicht das Kloster St. Georgen und auch nicht das Sagenspiel “No e wili”, sondern die Insel Werd und die Burg Hohenklingen.

Blick auf INsel im Fluss

Die Insel Werd markiert den Übergang von Bodensee zum Rhein, vom See zum Strom. Der heilige Otmar, erster Abt des Klosters Sankt Gallen, wurde aus politischen Gründen abgesetzt, gefoltert und auf diese Insel verbannt. Hier starb er auch anno 764 und wurde auf Werd bestattet. Zehn Jahre später waren die politischen Wirren vorüber und die Mitbrüder aus St. Gallen überführten den Leichnam nach St. Gallen, um ihn dort zu bestatten. Während der Überführung habe ein wüster Sturm gewütet, der aber den Mönchen auf ihrem Bodenseeschiff nichts anhaben konnte. Nicht einmal die Kerzen erloschen.

Dächer einer Burg

Heute leben Franziskanermönche auf der Insel Werd und versehen hier Pfarrdienst. Auch sie laden zur Teilnahme am Stundengebet ein. Hoch über der Stadt thront die Burg Hohenklingen. Hier ist ein Restaurant untergebracht und man kann selbst bei schlechtem Wetter tolle Ausblicke genießen. Hier kann man edel essen, aber auch ein einfaches Pilgermahl bestellen. Der einfach anmutende Linseneintopf ist hervorragend zubereitet und voller feiner Aromen.

Linseneintopf

#7 Auf der Lädine zwischen Last und Lust

Mit Last auf der Lädine ist der so benamste mittelalterliche Lastenkahn gemeint. Lust dagegen macht die Fahrt auf einem Nachbau dieses Schiffes, nachdem in den 1980er Jahren eine solche Lädine bei Immenstaad auf dem Seeboden entdeckt wurde. Mit Hilfe eines Fördervereins baute man ein solches Schiff in Material und Form im Abgleich mit den modernen Schiffsbauregeln nach und bietet es Gästen für Ausfahrten, Events oder in den Ferien für Piratenfahrten an.

Lädine auf dem Bodensee

Den historischen Hintergründen der Lädine kann man im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz nachspüren. Hier ist die Geschichte der Bodensee-Schifffahrt (und vieles andere) sehr schön und lehrreich aufbereitet. Unter anderem gibt es auch eine Darstellung der oben erwähnten Überführung des heiligen Otmar:

Glasmalerei

#8 Kaiserliche Reichskleinodien und ein Haufen Geweihe

Im oberschwäbischen Hinterland des Bodensees liegt die Waldburg. Einst im 12. Jahrhundert gegründet, erhielt sie im 13. Jahrhundert eine außerordentliche Aufgabe. Als der Stauferkönig Friedrich II. nach Rom reiste, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, ließ er seine Reichskleinodien Auf der Waldburg zurück.

Von 1220 bis 1225 wurden sie durch den Truchseß Eberhard von Tanne-Waldburg, seine Soldaten und Mönche von Weißenau bewacht. Heute sind auf der Waldburg hochwertige Repliken ausgestellt. Bevor man die Kammer mit den Reichkleinodien erklimmt, durchläuft man die Ausstellungsräume, in denen die Geschichte der Waldburger dokumentiert ist.

Geweihe

Zu den Reichskleinodien gehört unter anderen die heilige Lanze, die der Legende nach dem heiligen Mauritius gehört haben soll. Reichsapfel, Zepter und Krone sind die weiteren Reichskleinodien.

Lanze in Schaukasten

Reichsapfel

Auch Andreas schildert seine Eindrücke über das Mittelalter am Bodensee: Besuch der mittelalterlichen Städte, Konstanz – Meersburg – Radolfzell – Stein am Rhein. Wer immer am Bodensee unterwegs sein will, sollte sich einmal die BodenseeErlebniskarte ansehen.

Dank für die Recherche zu diesem Artikel gelten der TMBW, der ibt, der Untersee Tourismus, der Hymer AG für die Bereitsstellung eines HymerVan sowie den Tourist Infos in Radolfzell, Konstanz, Immenstaad und Meßkirch.

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