Tuttlingen: Erlebnisraum Baustelle

Wer jetzt was von touristischen Sehenswürdigkeiten, klassischer Kultur und so lesen will, darf gleich wieder wegklicken. Denn jetzt gibt’s Einblicke in die Donaustadt für Mülltouristen.

Kreativ mit Gruben, Dreck und Trollen

Im Schwäbischen sagt man: “Grab a Loch und es dauert koine drei Minuta bis d’r erschd Wunderfitz neiglotzd”. In Tuttlingen waren die Zuschauer beim Opening zur Fußgängerzonen-Sanierung schon vor dem Spatenstich mit Baggerbiss da, weil das Eventle entsprechend angekündigt war und natürlich auch Honoratioren eingeladen waren. Es wurde aber schnell deutlich, dass man hier nicht nur das obligatorische Pressefoto mit Repräsentanten, Sekt und Häppchen inszenieren, sondern auch die Baustelle als Erlebnisraum vorstellen will.

Trommler, Bagger, Schaufeln

Die Stadtverwaltung und das City-Management haben sich für den Tag einiges einfallen lassen: erst trommelte die Gruppe Beatstomper auf alten Fässern, später rappte Erwin einen eigens geschriebenen Baustellentext für seine “geile Stadt” und zwischen den Leuten drängelte sich eine Clownin mit pädagogischem Gummipickel, um die Kleinsten für den neuen Erlebnisort zu begeistern (“Abr koin Nagl ins Füßle dappe”). Natürlich hat man auch die Absicht, das Ganze erträglicher zu machen, die Einzelhändler trotz der vielen Belastungen milde zu stimmen und (selbstironisch) auch noch die Entsorgungskosten zu senken, indem man die alten Pflastersteine an die Bürgerschaft verschenkt. Schaut man noch etwas weiter zurück, darf man sich jetzt schon auf so Einiges freuen.

Leah Hilzinger am Trashkübel

Foto: Stadt Tuttlingen

“Diese Stadt überrascht”, lautet ein zentrales Motto der Marketinger vor Ort. Das beweisen sie immer wieder. Kurz vor der letzten Star Wars-Premiere hieß es auf einmal: “Dei Städtle sauber halte Du muuusch”. Damit rückte man den Müll-Trollen auf den medialen Pelz und wirbt mit den hauseigenen Trash-Wars und R2D2-Kübeln für den entmüllten Standort. Dieser Kampf um die saubere Seite der Macht war dem SWR eine Reportage wert. Kein Wunder: “So ebbes gibt’s in Amerika bestimmt ned.”

30 Minuten im Mund, 30 Jahre auf dem Boden

Eine spezielle Trash-Spezies nahm man mit einer anderen Aktion ins Visier. Dass der gerade begonnene Abriss der alten Fußgängerzone auch dazu dienen kann, neue Dreckspatzen oder Schmutzfinke zurückzupfeifen, zeigte eine eindringliche Aktion. Gemeinsam mit Schülern machte man eine Mahnung sichtbar: “30 Minuten im Mund, 30 Jahre auf dem Boden.” Gemeint sind die knatschenden Kaugummikauer, die nach dem schnellen Verlust des guten Geschmacks ihre Bubblegums – richtig: genauso geschmacklos – einfach auf den Boden spucken.

Foto: Arno Specht

Foto: Arno Specht

Rund 1900 Kaugummis markierten die Schüler auf nur 30 m Fußgängerzone! Im Schwäbischen sagt man zwar: “Kotza is koi Schand, schließlich schont mer’s Arschloch.” Aber im Schwäbischen “isch au Rülpsa Körperbeherrschung, schließlich hett mer kotza kenna”. Aber am scheenschte isch halt, wenn man alles bei sich b’halte ka und dohoim entsorgt. Man setzte damit eine Aktion aus einer Zeit fort, in der man vielleicht noch hoffte, dass der Tuttlinger Dreckspatz vier Beine hat und steckte offensiv Fähnchen in widrige Winde und dampfende Düfte.

IQ-4-Mai-Haufchen

In Tuttlingen lässt man sich laufend Neues einfallen und erweist so seinem Lebensraum die eine oder andere Ehre und zeigt, dass Baustellen auch viel Platz für Kreativität und Events bieten. Und wer ein bisschen Demut mitbringt, kann sich sogar vor ihr verneigen und wo er/sie eh scho unda isch, au mol a Bombolesbabierle aufheba. Des isch au a Erlebnis, wenn elle glotza, obwohl de koi Loch grabe hosch.

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