Ravenburg Oberstadt

Ich bin dann mal getürmt – nach Ravensburg

Sich für die Türme-Stadt Ravensburg Zeit zu nehmen, lohnt sich. Eine Kultur-Tour durch die Vergangenheit und Gegenwart einer ehemaligen Reichsstadt.

Ravensburg ist eine schöne und bedeutende Stadt. Vom Hörensagen kennen alle die Stadt der Ravensburger Spiele. Und wer hier in der Region Kinder hat, kommt auch nicht um das Ravensburger Spieleland herum. Sie ist aber auch eine Stadt mit einer langen Geschichte und großen Traditionen.

Das deutet sich schon an, wenn man auf dem Weg an den Bodensee an ihr vorbeifährt und von Ferne sehen kann, dass hier viele historische Bauten stehen. Ein Stadtspaziergang rund um die zehn Türme, für die Ravensburg auch bekannt ist, lohnt einen Aufenthalt.

Untertor Ravensburg

Wir stellen unseren Wagen im Parkhaus Untertor ab, womit wir auch schon am ersten Turm sind: das Untertor, das die Grenze in die Altstadt am westlichen Ende markiert. Der Weg ins Zentrum mündet bald in die Fußgängerzone, wo sich der Eindruck verdichtet, dass Ravensburg auch eine Shopping-Stadt ist.

Toursit Info Ravensburg
In der Tourist-Info am Blaserturm erhält man einen Flyer mit gut gemachter Karte, in der auch alle Türme eingezeichnet sind.

Das Zentrum der Türme-Stadt Ravensburgs: der Marienplatz

Herz der City ist der Marienplatz, der nicht unbedingt mit den Formvorstellungen über einen Platz harmoniert. Denn der Marienplatz zieht sich lang über einen Großteil der Fußgängerzone und wenn ihn jemand Marienstraße nennen würde, dürften wenige Beschwerden aufkommen.

Mitten im Zentrum befindet sich auch die Tourist Info. Sie ist im Lederhaus, einem an sich schon eigenen Ziel im Zentrum der Stadt, wo einst Handwerker ihrem Beruf nachgingen und das durch schöne Renaissance-Malereien begeistert.

Neben der Tourist Info steht auch der wichtigste Turm. Denn der Blaserturm ist der einzige, der täglich geöffnet hat. Für zwei Euro kann man ihn besteigen. Dabei entfaltet er eine gewisse Fiesheit, denn für Silver Generation-Knochen ist er gefühlt höher als er aussieht.

Aber auf der Aussichtsplattform hat man einen schönen Blick über die ganze Stadt und alle Türme der Altstadt in Ravensburg.

Ravensburg Niedere Stadt Das Frauentor neben der Liebfrauenkirche mit seinem Glockenturm

Schllenberger turm Der Schellenberger Turm (bzw. seine Reste)

Gemalter Turm Der Gemalte Turm

Grüner Turm Ravensburg Der Grüne Turm

Vom Blaserturm sieht man auch auf das Wahrzeichen Ravensburgs, das den eleganten Namen “Weißer Turm bei St. Michael” trägt. Da es im oberschwäbischen Volk aber oft nicht ganz so elegant zugeht, heißt er seit dem 14. Jahrhundert “Mehlsack” – wegen seiner runden Form und dem weißen Verputz.

Als wir hier später vorbei kommen, entdecken wir zwei Kletterer, die sich an der Turmwand rauf und runter hangeln. Was sie tatsächlich machen, lässt sich nicht erschließen. Getürmt sind sie wohl nicht, aber sie inspirieren zum Titel dieses Artikels.

Kletterer am Mehlsack in Ravensburg

Insgesamt ist die Altstadt sehr gut erhalten. Neben der Pflege durch die Bürgerschaft hat das einen wesentlichen Grund darin, dass die Altstadt von Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg verschont blieb. Offenkundig war der traditionelle Handel nicht so interessant für die Alliierten.

Geschäft mit Windrädern in der Altstadt

In ihren schnuckeligen, verwinkelten Gässchen finden sich alle vorstellbaren und auch unvorstellbaren Ladengeschäfte. Besonders aufgefallen ist mir ein Plattenladen, der aussah, als hätte er sämtliche Umwälzungen der letzten 30 Jahre einfach ignoriert und gerade deshalb überlebt. Die neuesten Trends geben ihm Recht.

Kunst am Wegesrand

Interessant ist auch der Stadtbrunnen von Robert Schad, der mit seinen Skulpturen in ganz Oberschwaben für Furore sorgt. Auch hier durchkreuzen seine krumm-geraden Stahlplastiken unsere Sehgewohnheiten und geben damit neue Blickwinkel frei.

Schadbrunnen mit Grüner Turm in Ravensburg
Schad-Brunnen ravensburg mit Blaserturm
Durch die Skulptur von Robert Schad kann man neue Blickwinkel auf das Stadtbild entfalten.

Nicht ganz so spektakulär, aber ebenso auffällig ragt in der Marktstraße eine große Skulptur von Klaus Prior in Richtung Himmel. Die gefasste Holzskulptur trägt den Titel “Ibykuss II”. Seine Figuren entstehen im Prinzip spontan mit der Kettensäge und entfalten in ihren Skizzenhaftigkeit eine expressive Wirkung.

Überhaupt ist Ravensburg in gewisser Weise ein Zentrum des Expressiven in der Kunst, wie wir noch erfahren sollten.

In der Oberstadt befinden sich die vier Museen. das Humpis-Quartier und Ravensburger sowie das Wirtschafts- und das Kunstmuseum.

Wer alle vier besucht und dann immer noch nicht genug hat, kann dann noch ins Feuerwehrmuseum am Gemalten Turm gehen. Wir waren in zwei und besuchen zunächst das Kunstmuseum.

Das Kunstmuseum: Tempel der Moderne

Zunächst besuchen wir das Kunstmuseum. Schon das Gebäude ist ein Blickfang und zeigt das Selbstbewusstsein einer Traditionsstadt.

Das Kunstmuseum zählt zu den Ravensburger Kunstwerken am Wegesrand.

Entworfen wurde das Kunstmuseum Ravensburg vom Stuttgarter Architekturbüro Lederer+Ragnarsdóttir+Oei und erhielt mehrere Auszeichnungen. Neben der künstlerischen Qualität ist bedeutend, dass es sich um das erste Passivmuseum der Welt handelt.

Am Tag unseres Besuchs stoßen wir auf zwei Ausstellungen, die der klassischen Moderne gewidmet sind, wobei der Expressionismus im Mittelpunkt stand. Sehr zur Freude meiner Freundin. Die (räumlich) erste Ausstellung war dem Maler Carl Lohse gewidmet, die zweite zeigte zwei süddeutsche Sammlungen “Von Angesicht zu Angesicht”.

Expressionistischer Hotspot

Wir treten zuerst in den Dialog, von denen die Sammlung Selinka die Basis des Museum bildet und die zweite namentlich nicht identifiziert wird. Die meisten Bilder stammen aus Privatbesitz und waren bisher nicht zu sehen.

Die Ausgestellten stellen im Prinzip das Who is who des Expressionismus: Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Erst-Ludwig Kirchner oder Otto Mueller, die von weiteren “klassischen Modernen” begleitet werden: Alexej von Jawlensky, Robert Delaunay, Heinrich Campendonk und Christian Rohlfs.

Unter dem markanten Dach des Kunstmuseums entfaltet sich ein großzügiger Ausstellungsraum, der hinsichtlich der Zahl der Exponate zurückhaltend bestückt ist. Zunächst sah es etwas leer aus, aber das hat einzelnen Bildern geholfen, ihre Wirkung ungestört zu entfalten.

Obwohl die Künstler auf Basis der erlernten Sehgewohnheiten und Bildung recht leicht identifizierbar sind, sorgen die Arbeiten dank ihrer bisherigen Nicht-Öffentlichkeit für neue Seherlebnisse und zeigt die Vielfalt, die auch innerhalb der so wichtigen Epoche des Expressionismus existiert.

Eine Entdeckung in der Provinz

Anschließend besuchen wir noch die Ausstellung über den Maler, Grafiker und Bildhauer Carl Lohse. Er wird zur persönlichen Entdeckung. Seine ganz auf Konturen und farbige Flächen reduzierten Porträts und seine leuchtenden Landschaften begeistern uns.

Porträts von Carl Lohse im Kunstmuseum Ravensburg

Verstärkt wird die Wirkung durch die biografischen Hintergründe. Sein expressives Werk aus etwa 180 Arbeiten schuf er im wesentlichen in Bischofswerda innerhalb von zwei Jahren, ehe er sein Dasein als Fahrkartenkäufer in der Straßenbahn von Hamburg bestritt.

Das Museum Humpis-Quartier: vom Mittelalter in die Gegenwart

Museum Humpis-Quartier

Auch im nächsten Museum, dem Humpis-Quartier, machen wir ungewöhnliche Erfahrungen. Bekanntlich werden hier die Begriffe Heimat- oder Stadtmuseum vermieden. Das aus gutem Grund, denn sowohl vor als auch hinter der Fassade warten viele Überraschungen und einmalige Exponate.

Das Museum Humpis-Quartier ist nach dem wichtigsten Stadtvater benannt und in seinem eher unauffälligen Gebäude in der Marktstraße untergebraucht. Im Innern eröffnet sich jedoch über mehrere Etagen eine verwinkelte, durch Neubauten ergänzte Altstadt-Welt, die Einblicke in verschiedene Epochen der Stadt gibt.

Die Zeitreise beginnt im Mittelalter und der Rolle Ravensburgs in den Zusammenhängen der freien Reichsstädte, der Erstarkung des Bürgertums und des einsetzenden Welthandels. Auch darf das Thema Bier und Brauereien nicht fehlen. Das heutige Museum war lange Zeit eine Gaststätte, nachdem die Familie Rösch das Haus übernahm.

Die Zeitreise führt durch alle wichtigen Phasen der Stadt bis in die jüngste Gegenwart, als Vertriebene der Nachkriegszeit 25% der Bevölkerung ausmachten.

Das Museum ist sehr modern und atmosphärisch ausgestattet und kann mit Audioguides durchlaufen werden. Auch gibt es regelmäßig Führungen. Leider sind Schriftgrößen und Ausleuchtung auf den Stelen nicht sehr nutzerfreundlich. Dennoch ist das Museum Humpis-Quartier einen Besuch wert.

Einkaufs- und Pilgerzentrum Ravensburg

Auch für Jakobspilger war und ist Ravensburg eine wichtige Station. Die Stadt liegt zwischen Ulm und dem Bodensee und gehört zum oberschwäbischen Jakobsweg.

Während sich die heutigen Pilger vorzugsweise auf markierten Feld-, Wald- und Wiesenwegen von Etappe zu Etappe und von Kirche zu Kirche durchschlagen, waren die Pilger im Mittelalter vorwiegend auf den Handelsstraßen unterwegs. Das war am sichersten gegen Überfälle von Menschen und/oder Tieren.

Bezeichnenderweise ist eine Kirche einem Pilger-Patron geweiht. St. Jodok war aber ausgerechnet an diesem Tag wegen Reinigungsarbeiten geschlossen. Die Liebfrauenkirche ist die Stadtkirche von Ravensburg. Sie ist im Hochmittelalter entstanden und hat eine beeindruckende Größe, was aber auch ihr Nachteil zu sein scheint.

Liebfrauenkirche Ravensburg

Im riesigen nüchtern getünchten Kirchenschiff gibt es immer wieder Glanzlichter: Ein großer Kreuzweg, ein gotisches Altarbild, eine ebenso gotische Schutzmantelmadonna für Marienverehrer und einen großen Gekreuzigten im romanischen Stil. Beeindruckende Werke, die jedoch etwas untergehen in der Weitläufigkeit.

Studiflair, Marktgewusel und Straßencafés

Insgesamt ist Ravensburg trotz des erhaltenen Altstadtkerns eine lebendige und junge Stadt. Dazu tragen ohne Zweifel die Hochschule und die vielen Wirtshäuser bei. Eine Leckerei fürs Auge sind auch die vielen schmiedeeisernen Schilder, die das alte Stadtbild schmücken.

Überall in der Stadt befinden sich Gastronomien mit Sitzgelegenheiten im Freien. An Markttagen kommen dann noch die beliebten Essbuden dazu.

Wurstbraterei auf dem Markt in Ravensburg

Ein alter Wurstwagen lockt Hungrige an, aber es gibt auch internationale Kost auf die Hand. Ein italienisches Bistro wird zum Volltreffer. Hervorragender Kaffee und hausgemachtes, leckeres Eis versüßen die Zeit. Im Stippe warten Caféhaus-Flair mit Kuchentheke und Popart-Wand und die Humpis-Stube lädt mit seiner alten Stube ein.

Johannisbeer-Kuchen im Café Stippe

Fazit: Ravensburg ist eine einmalige Stadt für Mittelalterfreunde und Kulturliebhaber und gehört zu den besuchenswerten Zielen in Oberschwaben, das auch mit dem Wohnmobil besucht werden kann. Wir kommen wieder, denn an einem Tag kann man bestimmt nicht alles entdecken.

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2 Kommentare

  1. Moin Stefan,
    danke für deinen interessanten Beitrag! Hatte Ravensburg bisher so gar nicht auf dem Schirm, aber kenne durch die Spiele natürlich den Namen. Falls ich mal in der Gegend bin, werd ich auf jeden Fall einen Zwischenstopp einplanen. Die vielen Türme sehen echt nett aus, und das Ravensburger Museum würde ich auch gern gehen. Ansonsten habe ich mit dir gelitten, als du geschrieben hast, dass der tückische Turm viel anstrengender zu erklimmen war als vermutet. #Ifeelyou 😉
    In diesem Sinne, schöne Grüße
    Claudia

    1. Hallo Claudia,
      Dankefür deinen echt netten Beitrag und das MItgefühl. Es ist immer grausig, wenn der Höhenangst-Blogger auf Türme, Felsen Ballons oder sonstwie hinaus muss oder soll. Ich kann’s auch nur mit der Gier nach Fotos aushalten. Nächstes Mal geh ich auch ins Humpis-Quariter. 🙂 Einen schönen Abend für Dich
      Stefan

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