Weinfässer, Pipette, Streuobst, Wacholder

Flüssiges aus dem Streuobstparadies

Mit viel Kreativität und Knowhow verwandeln die Obstbauern des Schwäbischen Streuobstparadies’ ihre Kulturlandschaft in delikate Säfte, Weine, Liköre und Destillate.

Das Streuobstparadies zwischen Kulturlandschaft, Naturschutz und Wirtschaftlichkeit

Das Streuobstparadies als starke Ansammlung von Streuobstwiesen zu bezeichnen, wäre eine beschämende Verkürzung. Die über 1,5 Millionen Bäume, die nördlich des Albtraufs zwischen Balingen und Göppingen wachsen, begeistern gerade wegen der kulturellen Bedeutung für den einzigartigen Landstrich.

Achtung Brandstiftung!

“Das Paradies brennt”. In dieser Veranstaltungreihe haben Teilnehmer die genussvolle Chance, mehr über das Destillieren von Obst im Streuobstparadies zu erfahren. Die Schnupperkurse auf Topniveau bieten Einblicke in die Eigenarten der Brennkunst und die Brandstifter genannten Destillateure umrahmen Lehrreiches mit Kulinarischem und/oder Kulturellem.

Streuobstsorten auf Tisch
Einfache, aber effektive Streuobst-Pädagogik: Originale zum Anfassen und Riechen

Dennoch bietet das Schwäbische Streuobstparadies eine einzigartige Vielfalt an Obstsorten, deren Bestimmung viel Kenntnis benötigt. Als besondere Kulturlandschaft steht das Streuobstparadies für einen Kreislauf, der im Boden beginnt und sich bei der vielseitigen landwirtschaftlichen, gastronomischen und touristischen Verwertung wieder schließt.

FFH-Vielfalt

Die Vielfalt der Obstsorten ist das eine, Vielfalt gilt aber auch für die gesamte Pflanzen- und Tierwelt: Kräuter, Wiesen, Felder, Brachflächen durchziehen die Landschaft ebenso wie Pferdekoppeln, Kuh-, Schaf- oder Ziegenweiden. Und immer wieder stößt man auf alte Schutzhütten, Scheunen oder Schöpfe inmitten der Hügellandschaft, die das Bild auflockern.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Vogelschutz. Bei der Erhaltung von Brut- und Nistplätzen liefern die Vögel auch einen Beitrag zum Pflanzenschutz, weil sie sich von Insekten ernähren, die dem Obst schaden könnten. So einfach geht es dann ohne Gift.

Die Drei Kaiserberge bei Göppingen

Preisgekrönte Landschaftsschützer

Das “Streuobsterlebnis Herrenberg” wurde mit dem Kulturlandschaftspreis ausgezeichnet.

Das Schwäbische Streuobstparadies treibt nicht nur zahllose Obstbauern, Gastronomen und Wissenschaftler um, sondern auch den Schwäbischen Heimatbund. Als Stifter des Kulturlandschaftspreises ist der Verein stets dran am Thema Streuobst und seine Nutzung im Zusammenspiel mit Landschaftspflege, Naturschutz, Pädagogik und Nutzungskultur. Der heute durch seinen Einsatz bekannte Jörg Geiger war 2001 der erste Preisträger des Kulturlandschaftspreises im Schwäbischen Streuobstparadies.

“Gesamtkunstwerk”

2015 ist mit dem Bürgerprojekt Streuobsterlebnis in Herrenberg wieder eine Streuobst-Initative unter den Preisträgern. Bernd Langner, Geschäftsführer des Schwäbischen Heimatbundes weiß als Kunsthistoriker sparsam mit hochtrabenden Begriffen umzugehen, aber bei den Schwäbischen Streuobstwiesen spricht er unumwunden von einem “Gesamtkunstwerk”.

Diese heimatliche Landart beginnt bei der (Auf-)Zucht alter Obstsorten und geht über die Baum- und Bodenpflege einen langen Weg bis hin zur hochqualitativer Verwertung und sinnenstarker Wissensvermittlung in einer Kulturlandschaft, die ohne diese Bewirtschaftung und Pflege ganz anders aussehen würde. Und dennoch wirkt sie so natürlich, als würden nicht Hunderte von Regisseuren über 1,5 Millionen Darsteller – sprich Streuobstbäume – zu einem Chor im Rhythmus der Natur zu formen.

blühendes Streuobsparadies bei Pliezhausen
Streuobstwiesen im Frühling bei Pliezhausen-Rübgarten

Zwischen alkoholfreiem Hochgenuss und edlen Destillaten

Was kann man mit Streuobst nicht alles anfangen? Der Direktverkauf von Früchten oder die Produktion von Säften liegt naheund viele betreiben ihre Streuobstwiesen für diese Produktlinie. Doch die Verflüssigung von Äpfeln, Birnen oder Kirschen hört bei den bekannteren Saftmarken noch lange nicht auf.

Über viele Jahrzehnte und Generationen haben kreative Cleverle eine unerschöpfliche Palette an Getränken aller Art entwickelt: Säfte, Schaumweine, Liköre, Destillate oder vieles mehr. Sie entlocken Zunge und Gaumen ganz eigene Freuden, die nur aus dem Schwäbischen Streuobstparadies kommen.

Schaufenster mit blick in Getränkeladen im Streuobstparadies
Die vielen Hofläden und Spezialgeschäfte im Schwäbischen Streuobstparadies sind auch wegen ihrer Atmosphäre einen Besuch wert.

Die als Brandstifter bekannt gewordenen Destillateure greifen Trends auf oder setzen sie sogar. “Der Regionalitäts-Boom hilft uns. Durch die Öffentlichkeitsarbeit verstehen die Menschen besser, was natürliche Produktion bedeutet. Dadurch steigt auch die Bereitschaft, etwas mehr zu bezahlen”, sagt Maria Schropp, Geschäftsführerin des Schwäbischen Streuobstparadieses.

Denn eines sollte auch deutlich sein: Qualität hat auch in der Produktion ihren Preis, sonst gäbe es solche Massenerscheinungen wie Saftkonzentrate gar nicht. Wer also naturbelassene, gesunde und geschmackvolle Getränke mit vielen Vitaminen bevorzugt, muss zwar etwas tiefer in die Tasche greifen, kann dafür aber sicher sein, Top-Produkte zu erhalten.

Die Obsttüftler haben seit einigen Jahren die besondere Aufgabe, die demografische Entwicklung, das aktuelle Gesundheitsbewusstsein, Wellness-Bedürfnisse oder religiöse Einflüsse mit ihrem Wissen und Können zu wohlschmeckenden Kredenzien zu vereinen. Leicht gesagt, aber schwer umzusetzen sind die Qualitätsansprüche: “Der Gast darf den Alkohol nicht vermissen.”

Manufaktur Jörg Geiger, Schlat

In Jörg Geiger begegnen wir so etwas wie dem internationalen Star unter den Streuobst-Produzenten. Einst belächelt, hat sich seine Manufaktur durch seine ungewöhnlichen und zugleich gefragten Getränkekreationen einen überregionalen Ruf verschafft. Auf seinem Weg entscheidend war auch die Liebe zu alten Apfel- und Birnensorten.

Symbolisch dafür steht das Kürzel CBB für Champagner Bratbirne und den daraus gewonnenen Schaumwein. Diese Sorte gilt als Speiseobst als quasi ungenießbar, aber beim Vergären und Keltern entwickelte sie hervorragende Aromen. Das Sortiment seiner Hochqualitäts-Produkte für gehobene Segmente hat er über die Jahre kontinuierlich ausgebaut.

Jörg Geigers Weitblick gilt nihct nur den produkten, sondern auch den Bäumen selbst. Neben der naturnahen Haltung ist der Klimawandel von besonderer Bedeutung. Er begegnet ihm mit Reisen in wärmere Regionen und pflanzt hier Bäume an, die dort gedeihen, damit auch in Zukunft hochwettige Obstsorten am Fuss der Schwäbischen Alb gedeihen können.

Aus einer Portugal-Reise entstanden verschiedene Fassweine im Portwein-Stil, die er aus heimischen PObstsorten keltert. Sie überzeugen mich durch ein einmaliges fruchtig-süßes Aroma.

Jörg Geiger in seiner Manufaktur
Jörg Geiger im hauseigenen Laden

Bekannt ist die Manufaktur Jörg Geiger für ihre alkoholfreien Cuvées. Die mit Kohlensäure versetzten und Prisecco (“Prickelt wie ein Secco”) genannten Säfte werden mit unterschiedlichen und ungewöhnlichen Aromen kombiniert. Dazu gehören beispielsweise Rote Beete, Eichenlaub oder Douglasienspitzen oder ungewöhnliche Aromakreationen durch Gewürze.

Einmalig sind auch Jörg Geigers im Sherry-Verfahren hergestellten Liköre auf Kirsch-, Birnen- oder Apfelweinbasis, die mit Bränden versetzt werden und im Holzfass reifen. Im hauseigenen Restaurant, dem Lamm in Schlat, kann er mit wechselnden Getränkekreationen die Menüfolge in besonderer Weise begleiten. Einen vollständigen Einblick zu den ganzjährigen und saisonalen Kreationen gibt es auf der Internetseite der Manufaktur Jörg Geiger.

Destithek Kottmann, Bad Ditzenbach-Gosbach

Vor der Brennerei sammeln sich die sortierten Sorten
Sortenrein wird gesammelt

Wer bei August Kottmann etwas über Brände lernen will, begegnet immer auch der Kultur des Genusses. Wer belehrt werden will, spricht am besten in seiner Gegenwart von “Schnaps” und “lepperd in oim Zug a Gläsle runter”. Da kommt Stimmung auf, schließlich weiß doch jedes Kind aus dem Chemie-Unterricht: “Alkohol isch koi Lösung, Alkohol isch a Destillat.”

Wer ein Grundgefühl für feine Destillate hat und Zunge und Gaumen mit den Aromen zahlreicher alter und neuer Sorten verwöhnen will, ist in der Destithek im Hirschen in Bad Ditzenbach genau richtig. Seit sein Sohn Andreas 2011 die Rolle des Chefkochs im familieneigenen Hotel-Gasthof Hirsch in Bad Ditzenbach-Gosheim übernommen hat, kann sich August Kottmann verstärkt um seine Passion kümmern.

Leidenschaftlich produziert er edle Destillate. Die ganz speziellen Aromen gewinnt er beispielsweise aus Remelesbirnen, Wilde Eierbirnen, Nägelesbirnen, Palmischbirnen, Gewürzluiken, Bohnäpfeln, Rosenäpfeln, Zibärtle, Schlehe, Ebereschen, Wildzwetschgen oder Dürlitzen. Die Kottmannschen Destillate sind also letzlich nichts anderes als aromatische Konzentrate urschwäbischer Geschmacksquellen.

Owen, Whiskyhauptstadt Deutschlands

Whisky aus Owen im Streuobstparadies
Im Berghof Rabel gibt es Whisky aus Weizen und Dinkel, Whiskylikör und Whisky-Marmelade

Seit 2012 in Owen der Schwäbische Whisky-Walk eröffnet wurde, setzte ein regelrechter Hype ein. Zumindest gemessen an den gut 3000 Einwohnern, die in Owen 31 Brennereien betreiben. Drei der Destillateure sind Schwäbische Whisky-Brenner und haben bereits zahlreiche Fernseh-Teams nach Owen gelockt. Das Kleinstädtchen ist zur Whisky-Hauptstadt Deutschlands geworden und beim Branding der Burner im Suabian Whisky-Hype.

“Läpperleswasser geit’s do koins”, verkündet Whisky-Botschafterin Angela Weis. Thomas Rabel, einer der drei Whiskybrenner, sucht mittlerweile ein gesundes Maß bei der touristischen Vermarktung. “Wenn man zu viele Führungen und Verkostungen macht, macht es irgendwann keinen Spaß mehr und die Glaubwürdigkeit geht verloren”, sagt er. Trotz der Leidenschaft fürs Destillieren ist Maß halten ist auch beim Eigenverbrauch gefragt.

Obwohl sich Rabel selbstironisch als Berufsalkoholiker bezeichnet, konsumiert er den eigenen Whisky nur noch beim Verkosten während der einzelnen Produktionsprozesse. “Das reicht.” Geduldig erklärt er seinen Gästen den Brennprozess von der Maische bis zur Abfüllung, wobei wir das Fass mit der Lagerung an dieser Stelle gar nicht erst aufmachen.

Fest steht: selbst aus einem 3000-Seelen-Ort kann sehr Gutes kommen. Die drei Owener Whisky-Destillateure: Berghof Rabel, Destillerie Dannes und Spirituosen-Manufaktur Gruel.

Transparenzhinweis: Die Recherchen für diesen Artikel würden durch eine Pressereise der Tourismus BW Marketing GmbH unterstützt.

Aufrufe: 136

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.