Knaus Tabbert Ungarn

Das Knaus Tabbert-Werk Ungarn: mitten in Europa

Im Knaus Tabbert-Werk Ungarn in Nagyoroszi bekamen wir nicht nur Einblicke in die moderne Reisemobilproduktion, sondern auch in ein Stück europäische Geschichte.

Knaus Sky Wave auf Fähre in Vac In Vac überqueren wir die Donau auf einer Fähre, von wo es weiter nach Nagyoroszi zu Knaus Tabbert Ungarn ging.

Im Hinterland von Budapest und Donau

Während unserer Donaureise mit dem Knaus Skywave hatten wir die einmalige Gelegenheit, das ungarische Knaus Tabbert-Werk zu besichtigen. Als wir in Nagyoroszi nördlich von Budapest ankommen, besuchen wir eine der Randregionen Ungarns. Das Komitat Nógràd (dt.: Neuburg) liegt an der Grenze zur Slowakei und ist geografisch ein Ausläufer der Karpaten. Auf dem Weg dorthin verlassen wir also die weite Ebene der Donau und fahren in ein hügeliges Mittelgebirge mit viel Wald. Nógràd lag zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie zentraler als heute. 1918 verlor Ungarn Territorien an die Slowakei, Rumänien und Serbien, so dass Nógràd heute eine Grenzregion bildet, also in gewisser Weise ähnlich wie im Knaus Tabbert Hauptwerk in Jandelsbrunn. Hier, genauer in Nagyoroszi, befindet sich am Ortsrand das Knaus Tabbert-Werk Ungarn. Wir werden sehr höflich und gastfreundlich vom Marketingleiter Zoltan Repassy empfangen und auch der Werkleiter der Fabrik, József Botka, kommt eigens vorbei, um uns zu begrüßen.

Neue Produktionshalle von Knaus Tabbert Ungarn Für die Bewältigung der vielen Bestellungen wurde 2016 eine neue Produktionshalle gebaut

Über 30 Jahre gemeinsamer Weg

Wenn man eine Reisemobilfabrik eines Konzerns im osteuropäischen Ausland besucht, könnte man annehmen, dass diese erst vor Kurzem gebaut wurde, als der Reisemobil-Boom einsetzte und die bisherigen Produktionskapazitäten nicht mehr ausreichten. Anders bei Knaus Tabbert. Der Hauptsitz in Jandelsbrunn und das ungarische Werk in Nagyoroszi verbindet eine lange Geschichte, die bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs begann. Ende der 1980er Jahre arbeiteten Manager aus der Nógràder Industrie im Münchner BMW-Werk. Währenddessen kam es zu ersten Kontakten mit Knaus. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs suchte Knaus nach Arbeitern in Nógràd und es entstand die erste Lohnarbeit-Kooperation in Nagyoroszi, die schnell in die Gründung einer Firma mündete. Während der Branchenkrise und den Umstrukturierungen bei Knaus in den späten 2000er Jahren war Nagyoroszi phasenweise die einzige Knaus Tabbert-Fabrik, in der produziert wurde. Im Zuge des Reisemobil-Booms im aktuellen Jahrzehnt wurde 2016 eine neue Fertigungshalle in Nagyoroszi fertig gestellt, um die Kapazitäten zu erhöhen. Aber auch die 30 Jahre alte Montagelinie wird noch genutzt. 2018 hat Knaus Tabbert in Nagyoroszi rund 8000 Wohnmobile und Caravans der Marken Knaus, Weinsberg und Lizenzfahrzeuge für Großkunden wie Vermieter produziert. Etwa die Hälfte davon sind CUVs (ehem. Kastenwagen), die andere Hälfte Wohnwagen und Teilintegrierte.

Transportschlitten bei Knaus Tabbert Ungarn Die Wohnmobile werden auf Schlitten von Station zu Station befördert. Für den Boxdrive musste wegen des langen Radstandes eine zusätzliche Schiene eingebaut werden.

Zoltan Repassy von Knaus Tabbert Ungarn Marketingleiter Zoltan Repassy nimmt sich viel Zeit für eine Werksbesichtigung.

“Wir haben Fachkräftemangel, weil Ihr Fachkräftemangel habt”

Als wir die Fertigungshallen betreten, treffen wir auf eine ähnliche Arbeitsatmosphäre, wie ich sie aus anderen Besichtigungen kenne. Konkret heißt das: die Work-Life-Balance ist angenehm. Es wird produktiv, aber nicht hektisch gearbeitet. Es findet auch kein interner Wettbewerb zwischen den Fertigungslinien statt wie man es von Autobauern kennt. Allerdings anders als in Deutschland wird in Nagyoroszi derzeit wegen der hohen Bestellzahlen im Zwei-Schicht-Betrieb produziert. Die baulichen Standards bei der Elektrifizierung und der Beleuchtung sind entlang der Montagelinien der Fabrik nicht so hoch wie in Deutschland. Die Qualität der Reisemobile ist denoch so wie es für den gesamten europäischen Markt vorgegeben ist – sei es seitens der QUalitätsansprüche von Knaus Tabbert, sei es durch duie gesetzlichen Vorgaben. Mittlerweile ist es auch in Ungarn schwierig, Personal zu finden. Stellenausschreibungen und bestimmte Vergünstigungen wie beispielsweise ein Shuttle-Service zu den Donau-Städten sind derzeit die wichtigsten Marketing-Instrumente. “Wir haben Fachkräftemangel, weil Ihr Fachkräftemangel habt”, sagt Zoltan Repassy. Bedeutet konkret: Falls in Jandelsbrunn, Mottgers oder Schlüsselfeld Stellen frei werden, die mit ungarischem Fachpersonal besetzt werden können, gehen einige weg, weil sie in Deutschland mehr Geld verdienen können. Das gilt freilich nicht für alle, so dass auch in Nagyoroszi gilt: die besten der Besten werden an der Dachmontage eingesetzt. Hier sind Können und Erfahrung besonders gefragt, denn die Wölbungen in den Dachformen und die Anforderungen an die Dichtigkeit verzeihen keine Fehler.

Begradigung Wohnwagen-Dach Das Zurechtschneiden der Dachform braucht viel Geschick und wird dennoch gekonnt freihändig erledigt.

Holzlager bei Knaus Tabbert Ungarn Die vielen Materialien, die in Campern und Caravans verbaut werden, brauchen eigene Lager.

Werkstätte bei Knaus Tabbert Ungarn In den Werkstätten werden Aufbauten und Mobiliar hergestellt.

Edition Korea am Wohnwagen Serien in der Serie bekommen eigene Ausstattungen und manchmal sogar Submarken.

Prozessoptimierung durch Digitalisierung

Worin die Kunst des Wohnmobilbaus besteht, lässt sich vielleicht etwas besser ermessen, wenn man sich solch eine Fabrik wie eine Black Box vorstellt. Am Eingang sammeln sich Unmengen an Basisfahrzeugen, Holzplatten, Dämmmaterial, Kabel, Fenster, Küchenkomponenten, Heizungen, Sanitärausstattung undundund und am anderen Ende verlassen reisertige Wohnmobile und Caravans das Werk in Richtung Händler und Endkunde. Man kann sich leicht vorstellen, dass es eine große organisatorische Herausforderung ist, damit sämtliche Aufbauten, Möbelteile, Dichtungen, Komponenten und Befestigungstechnik zur konkreten Einzelbestellung an den Montagestationen ankommen. Genau genommen beginnt die Herausforderung schon vor der Fertigungsstraße.

Ducatos ohne Aufbau Im Umfeld der Fabrik warten unzählige Basisfahrzeuge auf ihre Verarbeitung.

Knaus Tabbert Ungarn produziert jährlich etwa 4500 Wohnmobile, also diejenigen Freizeitmobile, die ein Basisfahrzeug benötigen. Diese werden nach Anlieferung auf zahlreichen Grundstücken rund um die Fertigungshallen zwischengeparkt. Wird eine Bestellung aufgerufen, ist die erste Frage: wo steht das dazugehörige Basisfahrzeug? Denn diese werden nicht auf Vorrat, sondern nur nach konkreten Bestellungen zugekauft. Die Suche zu Fuß mit Zetteln kann dann zur Herausforderung werden. “Es kann manchmal schon etwas dauern, bis das entsprechende Basisfahrzeug aufgefunden ist”, so Zoltan Repassy. Um diesen Teilprozess zu optimieren, wird aktuell eine betriebseigene App entwickelt, die auf what3words.com basiert. Mit ihr kann man jedem Fahrzeug ein mit drei Begriffen benanntes und drei mal drei Meter großes Quadrat auf dem Gelände zuordnen und leicht finden. (Dieser Blogpost wurde übrigens auf ///nimmt.erlassen.automatisch geschrieben.)

Schneiderei bei Knaus Tabbert Ungarn Schneiderei und Polsterei produzieren für die gesamte Knaus Tabbert-Gruppe.

Dichtigkeitsprüfung am Weinsberg Pepper Keine Wäsche, sondern Dichtigkeitsprüfung für einen Weinsberg CaraCompact EDITION [PEPPER].

Spezialwerkstätten bei Knaus Tabbert Ungarn

Die Geschichte von Knaus Tabbert in Deutschland und Ungarn zeichnet sich auch durch beständigen Austausch aus. Viele Mitarbeiter überzeugen durch ihr handwerkliches Geschick, was auch in die Entwicklung neuer Reisemobil-Generationen einfließt. Exemplarisch hierfür stehen die Stoffwerkstätten. Im Knaus Tabbert-Werk in Nagyoroszi werden eine Schneiderei und eine Polsterei unterhalten, die nicht nur für das Werk in Ungarn, sondern auch für die Montage in Deutschland produzieren.

Fazit: Reisemobilbau ist ein Stück Europa

Die Besichtigung des Knaus Tabbert-Werkes in Nagyoroszi war in manchem typisch für eine Reisemobil-Fabrik, in manchem aber auch besonders. Das beginnt bei der Gastfreundschaft, mit der wir empfangen wurden. Da dringt dann eben mehr durch als nur ein zusätzlicher Produktionsstandort eines Konzerns, der Lohnkosten sparen will oder muss. Die Menschen in der freien Wirtschaft scheinen schneller und besser zu begreifen, dass man in einem Boot sitzt, als in anderen Bereichen. Gerade wenn man die historischen Gemeinsamkeiten einbezieht. Technisch gesehen ist eine Werksbesichtigung immer interessant. Man bekommt Einblicke, was hinter den Kulissen und hinter den Möbelwänden passiert. In einem modernen Reisemobil werden nach Fertigstellung unsichtbar für die Isolierung, die Elektrik, die Heizung, die Küche und den Wasserkreislauf unzählige Teile verbaut. Auch ist deutlich geworden, wie hoch der Kundenbedarf nach Freizeitmobilen derzeit ist. Mit kleinen Herstellern oder gar im Kleinserien- und Selbstausbau wäre es nie leistbar, die Unzahl an Wünschen zu erfüllen. Statt Unkenrufen ist deshalb manchmal etwas Geduld weitaus hilfreicher.

Dank geht an die Knaus Tabbert GmbH, die durch die Bereitstellung eines Knaus Sky Wave und Vermittlung des Besuchs die Recherchen zu diesem Artikel unterstützt hat.

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